Bilder vom ewigen Werden

 

Alles fließt!“ Diese These des Vorsokratikers Heraklit könnte den philosophischen Boden bilden, auf dem die künstlerischen Arbeiten Uwe Prieferts entstehen. Pinselspuren verteilen sich fließend über die Leinwand, verdichten sich zu Farbströmen oder Strudeln, die weit über die Bildränder hinaus zu reichen scheinen. Farbpartikel scheinen auf der Leinwand zu explodieren und den Bildrahmen zu sprengen. Die Bildfläche wirkt wie ein Ausschnitt aus einem endlosen Raum mit sich ständig verändernden Strukturen.

 

Dass Uwe Priefert die Motive, die den Ausgangspunkt für eine solche malerische Gestaltung bilden, aus der Natur nimmt, erscheint beinahe zwingend, auch wenn der Künstler zu Beginn dieses Werkzyklus ganz andere Gegenstände in Erwägung zog. Die Vegetation, die auf den in die Bilder integrierten Fotografien erscheint, wächst und wuchert, verändert sich und vergeht, um neue Gestalten zu bilden. Das Wasser, das neben Gras und Schilf ein immer wiederkehrendes Motiv darstellt, fließt und spiegelt das Oben – Himmel und Wolken – nach unten. Doch auch wenn Uwe Priefert in seiner Kunst von solchen Natur-Motiven ausgeht, malt er weder Gras noch Wolken, weder Schilf noch Wasser. Nicht die Pflanzenwelt ist das Thema der Bilder, sondern ihre Verwandlung in Fließendes, Sprießendes, Spritzendes, sich immer wieder neu und anders Gestaltendes.

 

Inhalt“ der Werke ist die Veränderung selbst. Und die Malerei als Prozess dieses Geschehens wird ebenfalls selbstreflektorisch zum Thema, was die Vielschichtigkeit von Prieferts Arbeiten zeigt. Die energiegeladene Auflösung der Welt in Farbspuren und Licht und Dunkelheit lässt nicht nur an die romantischen Bilder William Turners denken, sondern auch an Werke des Abstrakten Expressionismus, etwa an Arbeiten Jackson Pollocks. Die floralen Motive und die Wasserspiegelungen erinnern an das stark abstrahierende Spätwerk Monets, und die malerische Auseinandersetzung mit Fotografie verweist nicht zuletzt auf Gerhard Richter. Dabei zeigt uns Uwe Priefert ein einzigartiges und eigenständiges Werk, das auf individuelle Art Möglichkeiten der Malerei neu auslotet. Die Fotografien liefern dabei (bloße) Abbilder der Wirklichkeit, und die Malerei erschafft den ungegenständlichen Entwurf von „Wahrheiten“.

 

Diese These greift jedoch im Hinblick auf das Werk Uwe Prieferts zu kurz, wie ein Blick auf die neueren „foto-grafischen“ Arbeiten deutlich macht. Indem Priefert den Betrachter mit kleinen Ausschnitten aus Fotos konfrontiert, die er stark vergrößert und leicht unscharf präsentiert, wird die Identifizierung der abgebildeten Gegenstände sehr erschwert. Es handelt sich bei den Motiven um die gleiche Vegetation, die auf den Fotos in den Ölbildern zu sehen ist. Der Grad der Verfremdung ist jedoch derart groß, dass die Gegenstände als abstrakte Formen erscheinen und unbestimmbare Räumlichkeiten strukturieren. Uwe Priefert macht so noch nie Gesehenes anschaulich. Wie ein Abenteurer begibt er sich auf die Suche nach den Bildern in den Abbildern, und zeigt uns in seinen Foto-Grafiken, welche visuellen Schätze sein sensibles Auge gefunden hat.

 

Eine Ausstellung mit Werken Uwe Prieferts kann die Wahrheit in Friedrich Nietzsches Erkenntnis vom „Ewigen Werden“ und von der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ sinnenfroh offenbaren, und der Künstler scheint sie auf emphatische Weise zu bestätigen: Mit Serien schöner und kraftvoller Bilder, die den Betrachter anregen und verführen, mitreißen und berauschen – und zugleich verunsichern und statische Weltbilder in Frage stellen können.

 

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Wilhelm Matthies, Katalog zur Ausstellung in der Studiogalerie im Industriemuseum Freudenthaler Sensenhammer, Leverkusen, 2007