50/50 Malerei / Fotos: "...das grenzenlose Gras"

Zur Einstimmung ein Paar Zeilen aus dem Gedicht „LEBE WIE GRAS“ von Artur Lundkvist aus den fünfziger Jahren:

 

Und das Gras wandert über die Welt,

von den Flüssen unter dem Wind der breiteste und grünste.

Immer ist das Gras unterwegs,

die Hüften der Berge hinauf, in die schlafenden Städte hinein,

über Brachland, Savannen, Steppen,

wo der Kentaur nie überwunden wurde,

...

Das Gras arbeitet rastlos, zaudert nie,

sich Wege zu sprengen, über Gestein zu klettern,

und seine Antwort auf jede Gewalt ist Wachsen.

Das Gras liebt die Welt wie seinen Halm,

glücklich noch an grauen Tagen.

Das Gras, es strömt im Festverwurzeltsein,

es fließt im Stehen dahin,

vielfältig immer, doch beieinander und eins.

...

es wächst als schützende Wimper um Quellen

...

das grenzenlose Gras

...

 

In seinem Gedicht nennt Lundkvist das Gras einen Fluß (den breitesten und grünsten unter dem Wind), immer unterwegs, grenzenlos, d.h. jede Gewalt, die sich in den Weg stellt, überwuchernd. Festverwurzelt und doch dahinströmend; im Stehen fließend; eine Vielfalt von unterschiedlichen Halmen, Formen, Farbnuancen, und doch „beieinander und eins“, d.h. derselben Richtung folgend, sich dem Strömen angleichend, gemeinsam dahinfließend.

 

Es könnte sich auch um eine beschreibende Annäherung an die Malerei Uwe Prieferts handeln.

Farbschlieren und Pinselspuren ergießen sich in Strömen und Strudeln über die Leinwand, folgen mal der einen Richtung, mal der anderen, verschwinden in Dunkelheit oder Licht und scheinen grenzenlos über die Bildränder hinaus zu wuchern. Und auch die malerischen Strukturen sind „festverwurzelt“ in einem kleinen Foto, das auf die Leinwand aufgeklebt worden ist, und das Gras, Schilf und manchmal auch Wasser zeigt. Von diesem Foto geht Priefert aus und ummalt es mit Ölfarben. Dabei spiegelt sein Malprozess das Wachsen und Wuchern der dargestellten Vegetation, das ständige sich Verwandeln der Strukturen und Farben wider: Kunst als Schöpfung analog der Natur. Das verbindet Uwe Priefert mit den Romantikern.

...

 

Panta Rhei / Alles fließt! Alles ist im Fluß, oder im Bach, oder im See oder Teich...

 

Das stellen wir auch fest, wenn wir die Fotografien von Uwe Priefert betrachten. In den letzten fünfzehn Jahren sind sie zunehmend als eigenständiges künstlerisches Medium neben die Malerei getreten. Sie dienen nicht mehr als Inspirationsquelle für eine Bildfindung, die malerisch ausgeführt wird, sondern werden selbst zu Bildern. Dennoch bleibt Fotografie für Priefert sowas wie „Malerei mit anderen Mitteln“. Sein künstlerisches Selbstverständnis ist das eines Malers, und nicht das eines Fotografen. Nicht zuletzt deshalb läßt er die größeren Foto-Formate auf Leinwand drucken, was den Eindruck des „Malerischen“ erhöht.

 

Uwe Priefert fotografiert Wasseroberflächen. Doch sie sind nur das Medium oder der Spiegel, in dem die Umgebung zur Erscheinung kommt. Spiegelung als ästhetische Möglichkeit der Verfremdung, der Abstraktion der Gegenstände: die Konturen werden aufgelöst, die Formen zerfließen, die Farben verwischen, die Einzeldinge verschmelzen zu einer nicht mehr fassbaren „Einheit“. Oben und Unten werden verkehrt und die traditionelle Raumordnung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund wird aufgehoben.

 

Eine sehr „malerische“ Form! Poetisierung statt (foto-)realistischer Abbildung. Nicht mehr die Gegenstände werden beschrieben, sondern ihre Erscheinung beschworen. Uneindeutigkeit als Herausforderung der Einbildungskraft. Die Bilder sind offen für die Phantasie des Betrachters: Projektionsflächen für „innere Landschaften“.

 

Aus der Laudatio von Dagmar Wirtz zur Vernissage in der fiftyfifty-Galerie, Düsseldorf, am 22.03.2019.